Der von der Anfang 2026 stillgelegten Tramway des grottes de Han ausgeliehene Triebwagen ART 90 (SNCV Cureghem 1934) bei Blier auf dem Weg nach Forge-à-la-Plez.
Im Tal des Flüsschens Aisne in den Ardennen hält die Tramway Touristique de l’Aisne die Erinnerung an die einstige belgische Kleinbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer vicinaux (SNCV) wach. Die 11,2 Kilometer lange Museumsbahn ist der Rest der 1954 stillgelegten Meterspurstrecke Melreux – Manhay. Sie gehört zu den ältesten Museumsbahnen Belgiens und feiert in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag – ein Grund, dieses Idyll einmal aufzusuchen.
Die belgische Kleinbahngesellschaft SNCV
Die SNCV wurde 1884 gegründet, um kleinere Ortschaften abseits der Staatsbahnstrecken an das Eisenbahnnetz anzuschließen. Die Gesellschaft baute ihre Linien zum größten Teil in Meterspur und begann schon 1894 damit, diese zu elektrifizieren. Oft wurden die Strecken entlang der Landstraßen erbaut, weshalb sie den Charakter von Überlandstraßenbahnen hatten. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich das SNCV-Netz auf eine Länge von mehr als 4000 Kilometer ausgedehnt. Dessen größter Teil wurde in den 1920er und 1930er Jahren elektrifiziert, während die SNCV auf peripheren Strecken ab den 1930er Jahren Verbrennungstriebwagen einsetzte. Anfangs wurden Versuche mit Benzintriebwagen unternommen, ab 1935 setzten sich solche mit Dieselmotor durch, Autorails genannt.
Der Stammtriebwagen AR 133 (Baume & Marpent 1935) war am Besuchstag im Rangierdienst im Bahnhof Pont d’Érezée im Einsatz.
Die SNCV-Strecke Melreux – Manhay
Die Strecke der heutigen Tramway Touristique de l’Aisne wurde von 1908 bis 1911 in mehreren Etappen in Betrieb genommen. Erbauer war die SNCV, die die Konzession für den Betrieb an die Compagnie des Chemins de fer Vicinaux de l’Ardenne (CFVA) vergab. Ausgangspunkt war der Bahnhof Melreux-Hotton an der SNCB-Strecke Angleur – Marloie, von wo sie über Hotton und Soy nach Pont d’Érezée führte. Ab dort ist die Strecke bis heute erhalten und folgt dem Tal der Aisne über Blier und Amonines bis Forge-à-la-Plez. Danach gewinnt sie hinter Dochamps mittels einer Kehre an Höhe und erreicht bald den heutigen Endpunkt Lamorménil. Von dort ging es einst weiter bis Manhay. Dorthin wiederum führte ab 1912 auch eine weitere Strecke, die ihren Ausgangspunt in Comblain-au-Pont, ebenfalls an der Strecke Angleur – Marloie, hatte.
Der ART 90 (SNCV Cureghem 1934) nach der Ankunft mit der zweiten Leistung des Tages aus Forge-à-la-Plez. Im Hintergrund ist der AR 133 (Baume & Marpent 1935) damit beschäftigt, zwei Wagen auszureihen.
Neben dem Personenverkehr diente die Bahn vor allem der Abfuhr von Holz aus den Wäldern der Ardennen. Ab 1936, als in Belgien der bezahlte Urlaub für Arbeitnehmer eingeführt wurde, gewann der touristische Verkehr an Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Busverbindung von Liège nach Manhay eingeführt, was die Bahn Fahrgäste kostete. Wie auf zahlreichen SNCV-Strecken in den 1950er Jahren, wurde 1954 der Personenverkehr eingestellt. Der Güterverkehr hielt sich noch bis 1959.
Anfänge der Tramway Touristique de l’Aisne
Bereits 1964 gründeten Interessierte aus dem Umfeld des Straßenbahnmuseums Schepdaal einen Verein zur Einrichtung einer Museumsbahn auf der damals noch vorhandenen Strecke. Zwei Jahre später konnte der Betrieb mit dem noch heute vorhandenen Triebwagen AR 133 von Pont d’Érezée nach Forge-à-la-Plez aufgenommen werden. Im Jahr 1967 nahm die Bahn ein Depot in Blier in Betrieb. Dieses ist bis heute der Betriebsmittelpunkt der Bahn, jedoch nicht öffentlich zugänglich.
Triebwagen AR 133 (Baume & Marpent 1935) und ein Schneepflug im Bahnhof Pont d’Érezée
Eine erste Verlängerung wurde 1992 bis nach Dochamps in Betrieb genommen. Im Jahr 2005 wurde am Bahnhof Pont d’Érezée ein Stationsgebäude erbaut, das eine Touristeninformation, ein Café und im Obergeschoss einen Ausstellungsraum beherbergt. Zudem befindet sich dort eine weitere Fahrzeughalle. Der Abschnitt mit der Kehrschleife hinauf nach Larmoménil ist schließlich seit 2014 wieder in Betrieb.
ART 90 (SNCV Cureghem 1934) beim Umsetzen am Endpunkt in Lamorménil
Museumsbetrieb heute
In der Nebensaison von April bis Juni und von September bis Oktober wird samstags und an Feiertagen gefahren. Dabei gibt es je zwei Zugpaare Pont d’Érezée – Forge-à-la-Plez und eines Pont d’Érezée – Lamorménil. In der Hochsaison im Juli und August ist die Bahn montags, mittwochs und samstags unterwegs, dann je zweimal nach Forge-à-la-Plez und zweimal nach Lamorménil. Dazu kommen ganzjährig Events, zum Beispiel zu Halloween oder Weihnachten. Am 4. und 5. Juli 2026 feiert die Tramway Touristique de l’Aisne ihr 60. Jubiläum.
Der ART 90 (SNCV Cureghem 1934) mit dem Sommerwagen B 8944 (Compagnie Générale de Construction 1916) nach der Ankunft aus Lamorménil im Bahnhof Pont d’Érezée
Leihtriebwagen aus Han-sur-Lesse
Stammfahrzeug ist der 1935 bei Baume & Marpent gebaute AR 133, der bereits von Anfang im Bestand der Museumsbahn ist. Er hatte bis in die 1960er Jahre auf der Strecke Bastogne – Martelange im Einsatz gestanden. Er ist derzeit das einzige eigene betriebsfähige Fahrzeug. Die Abkürzung AR steht für Autorail. Die SNCV besaß Mitte der 1930er Jahre mehr als 200 solcher Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller und konnte auf nicht elektrifizierten Strecken fast vollständig auf den Einsatz von Dampflokomotiven verzichten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 58 solcher Triebwagen für den Güterverkehr umgerüstet, wobei sie stärkere Motoren, eine geändert Getriebeübersetzung und verbesserte Bremssysteme erhielten. Diese Wagen wurden nun als Autorail Tracteur (ART) bezeichnet. Aus dieser Serie stammt der Wagen ART 90, der seit April 2026 leihweise bei der Tramway Touristique de l’Aisne im Einsatz steht. Er wurde 1934 in der SNCV-Werkstatt Cureghem gebaut und gehört der Anfang 2026 stillgelegten Tramway des grottes de Han. Deren übrige Fahrzeuge waren alle auf Batteriebetrieb umgerüstet worden. Ob er dauerhaft an der Aisne bleibt, ist noch nicht geklärt. Es gibt Bestrebungen, die Grottentram in Han-sur-Lesse wieder in Betrieb zu nehmen.
Der ART 90 (SNCV Cureghem 1934) beim Rangieren im Bahnhof Pont d’Érezée, links der Personenwagen A 1208 (Forges et Ateliers de Tyberchamps 1907).
Die rot-beige Lackierung der beiden Fahrzeuge ist nicht historisch. Bei der SNCV trugen die Triebwagen einen beigen Anstrich, wie er bei einigen nicht betriebsfähigen Triebwagen zu sehen ist. Dazu zählen der ART 69 (1933) und der ART 123 (1934).
Dampflokomotive in Aufarbeitung
Zu den nicht betriebsfähigen Fahrzeugen zählt zudem die Dampflokomotive HL 1075 aus dem Jahr 1919. Die baugleiche Maschine HL 1000, bislang im Museum Groenenhoek in Antwerpen ausgestellt, befindet sich seit 2025 zur betriebsfähigen Aufarbeitung in Südfrankreich. Sie soll künftig unter anderem bei der Tramway Touristique de l’Aisne zu Einsatz kommen.
Mit dem A 1208 von 1907 steht noch ein Personenwagen aus der Zeit des Dampfbetriebs zur Verfügung. Daneben kommen zwei offene Sommerwagen „Baladeuse“ zum Einsatz, der B 8893 (Droeshout & Windels 1913) und der B 8944 (Compagnie Générale de Construction 1916).
Die Fotos entstanden am 23. Mai 2026.

