Verkehrsarchitektur der Bonner Republik: die Kurt-Schumacher-Brücke

Die Rhein-Neckar-Variobahn 5712 (RNV8, Bombardier 2007) fährt am 31. Mai 2026, dem vorerst letzten Betriebstag der Tramstrecke über die Kurt-Schumacher-Brücke, zwischen den Schrägseilen hindurch in Richtung Ludwigshafen.

Seit dem 1. Juni 2026 ruht der reguläre Straßenbahnverkehr auf der Kurt-Schumacher-Brücke zwischen Mannheim-Jungbusch und Ludwigshafen aufgrund anstehender Umbauarbeiten. Die auf der Brücke gelegene Haltestelle Handelshafen/Jungbusch, die auf spektakuläre Weise mit dem darunter gelegenen Bahnhaltepunkt verknüpft ist, wird daher für mehrere Jahre nicht angefahren. Aus diesem Anlass gibt es hier einen Bilderbogen dieses markanten Bauwerks.

Von Mannheim nach Ludwigshafen

Die nach dem SPD-Politiker Kurt Schumacher benannte Brücke wurde von 1969 bis 1972 nach Plänen des Stuttgarter Bauingenieurs Fritz Leonhardt errichtet. Dieser ist in erster Linie für den Entwurf des Stuttgarter Fernsehturms und der Galatabrücke in Instanbul bekannt. Das Bauwerk besteht aus mehreren Teilbrücken und überspannt von Ost nach West zunächst den Verbindungskanal zwischen Mühlauhafen und Neckar, dann den Mühlauhafen und schließlich den Rhein. Beiderseits schließen sich Auffahrten und Verteilerbauwerke an, einschließlich derer die Brücke rund 1,5 km lang ist. Markantester Teil ist die 433 m lange Schrägseilbrücke über den Rhein mit ihrem 71,5 m hohen, A-förmigen Pylon.

Landesgrenze auf der Brücke (28. Mai 2018)

Die Brücke trägt mittig die zweigleisige Straßenbahntrasse, rechts und links davon je eine zweispurige Fahrbahn der Bundesstraße 44 sowie außen beiderseits einen Rad- und Fußgängerweg. Die Straßenbahntrasse verläuft zwischen den Stielen des Pylons hindurch. Auf der Brücke befindet sich in der Mitte des Rheins die Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Die Kurt-Schumacher-Brücke auf Open Railway Map

Das Bauwerk verfügt über mehrere Treppenabgänge für Fußgänger. Im Bereich des Handelshafens sind Segmente für eine Abzweigung in das Hafengebiet vorbereitet, die jedoch nie realisiert wurde. Erkennbar ist dies heute vor allem daran, dass der Rad- und Fußgängerweg in diesen Bereichen abgesenkt ist, um unter der nicht realisierten Abzweigung hindurch zu führen.

Tramhaltestelle auf der Brücke

Die Doppeleinheit 1872/1871 (37T, Škoda 2024) ist am 31. Mai 2026, dem letzten Tag vor dem Fahrplanwechsel, auf der Kurt-Schumacher-Brücke in Richtung Ludwigshafen unterwegs.

Auf der Brücke befindet sich zwischen dem Verbindungskanal und dem Mühlauhafen die Straßenbahnhaltestelle Handelshafen. Ein gutes Jahrzehnt jünger ist jedoch deren Verknüpfung mit dem darunter gelegenen DB-Haltepunkt Mannheim-Handelshafen. Sowohl der Eisenbahn- als auch der Straßenbahnhalt wurden Ende 2024 in Handelshafen/Jungbusch umbenannt.

Die hier im 90-Grad-Winkel kreuzende Eisenbahnstrecke, genannt Westliche Einführung der Riedbahn, wurde erst 1985 in Betrieb genommen. Die Riedbahn aus Frankfurt am Main hatte bis in die 1980er Jahre den Mannheimer Hauptbahnhof ausschließlich von der Ostseite über Käfertal erreicht. Züge aus Frankfurt in Richtung Karlsruhe mussten daher in Mannheim Kopf machen. Um diesen betrieblichen Missstand zu beseitigen, gab es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg die Idee, eine Neubaustrecke von Waldhof im Norden durch das Hafengelände auf die Westseite des Mannheimer Hauptbahnhofs zu bauen.

Die konkreten Planungen nahmen jedoch erst Anfang der 1970er Jahre Fahrt auf und 1981 begann die Deutsche Bundesbahn schließlich mit den Bauarbeiten. Im Bereich der Kreuzung mit der Kurt-Schumacher-Brücke ist die Trasse der Westliche Einführung der Riedbahn selbst aufgeständert, sodass hier eine Brücke die andere unterquert.

Verknüpfung von Eisenbahn und Straßenbahn

Zugang vom westlich gelegenen Bahnsteig (Fahrtrichtung Mannheim Hbf) des Eisenbahnhaltepunkts zur Straßenbahnhaltestelle, gesehen von der Treppe zum Trambahnsteig in Fahrtrichtung Ludwigshafen (31. Mai 2026)

Als einer von drei Haltepunkten an der 9,2 km langen Neubaustrecke wurde auf der aufgeständerten Trasse und direkt unter der Kurt-Schumacher-Brücke die Station Mannheim-Handelshafen angelegt. Neben der Erschließung des Hafengeländes dient sie auch dem Umstieg zur Straßenbahn.

Zugang vom westlich gelegenen Bahnsteig (Fahrtrichtung Mannheim Hbf) des Eisenbahnhaltepunkts zur Straßenbahnhaltestelle (31. Mai 2026)

Dabei gibt es von den beiden Bahnsteigen des Eisenbahnhaltepunkts jeweils einen separaten Zugang zur Straßenbahnhaltestelle, der sich jeweils in getrennte Aufgänge zu den beiden Straßenbahnbahnsteigen gabelt. Eine Verteilerebene gibt es aufgrund der begrenzten Höhe der Bauwerke nicht.

Zugang vom westlich gelegenen Bahnsteig (Fahrtrichtung Mannheim Hbf) des Eisenbahnhaltepunkts zur Straßenbahnhaltestelle (31. Mai 2026)

Durch die zahlreichen Verknüpfungen der verschiedenen Ebenen und Fahrtrichtungen entsteht ein faszinierendes urbanes Labyrinth.

Dieser Wegweiser dürfte noch aus der Erbauungszeit des Eisenbahnhaltepunkts stammen (31. Mai 2026).

An der gesamten Station gibt es weder Rampen noch Aufzüge; alle Bahnsteige sind ausschliesslich über Treppen erreichbar.

Handelshafen/Jungbusch als „Zukunftsbahnhof“

Blick vom östlichen Zugang zu den Trambahnsteigen auf den östlichen Bahnsteig des Eisenbahnhaltepunkts (Fahrtrichtung Frankfurt am Main) mit Treppenabgang (31. Mai 2026)

Die DB hat den Haltepunkt im Zuge der Umbenennung Ende 2024 zum „Zukunftsbahnhof“ erhoben. Ein gewisses Schmunzeln lässt sich kaum unterdrücken, wenn man den Pressetext dazu liest. Dort heißt es: „Der Bahnhof empfängt seine Reisenden mit einer harmonischen Mischung aus einer verbesserten Orientierung durch ein komplett neues Wegeleitungssystem und ästhetischen, grafischen Akzenten.“

Auf dem Trambahnsteig weist dieses Schild zum Bahnsteig für die Züge in Richtung Mannheim Hbf. Das Design mit fernblauer Umrandung war von 1986 bis Ende der 1990er Jahre bei der DB in Gebrauch (31. Mai 2026).

Die Neuerungen beschränken sich im Wesentlichen auf die türkis-grünen Gestaltungselemente rund um die Treppenaufgänge.

Blick von der Kurt-Schumacher-Brücke auf den Haltepunkt Handelshafen/Jungbusch an der Riedbahn mit einem Bombardier Twindexx von DB Regio (31. Mai 2026)

2020/2021: Verstärkerlinie 6E mit Duewag-Hängerzügen

Im Sommer 2019 wurden an der Hochstraße Süd in Ludwigshafen schwere Schäden festgestellt, sodass der Rheinübergang via Konrad-Adenauer-Brücke für den Autoverkehr gesperrt war. Ende des Jahres mussten wegen Einsturzgefahr der Hochstraße auch die parallelen Straßenbahngleise über die Konrad-Adenauer-Brücke gesperrt werden. Um das Verkehrsangebot zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu verbessern, richtete die RNV zunächst die Verstärkerlinie 7E zwischen Ebertpark und Oppau ein. Als dann die Konrad-Adenauer-Brücke wieder für den Tramverkehr freigegeben wurde, kam 2021 die Verstärkerlinie 6E, die von Rheingönnheim zunächst über die Konrad-Adenauer-Brücke nach Mannheim und über die Kurt-Schumacher-Brücke zurück nach Ludwigshafen führte. Für die Verstärkerleistungen wurden eigens drei Duewag-Hängerzüge aus den 1960er Jahren aus Beständen der Rhein-Haardt-Bahn reaktiviert.

Hier ist eine solche Garnitur am 14. September 2021 an der Haltestelle Handelshafen zu sehen (1017, ET6, Duewag 1963; 1057 EB6, Duewag 1963).

Auffahrten und Verteilerbauwerke auf der Mannheimer Seite

Aus Richtung Ludwigshafen hat hier am 28. Juni 2024 gerade Wagen 5620 (6MGT, Duewag 1995) die Haltestelle Rheinstraße erreicht. Die Linien 4 und 4A verkehrten damals wegen der gesperrten Konrad-Adenauer-Brücke über die Kurt-Schumacher-Brücke. Das Fahrzeug ist mittlerweile ausgemustert.

Beiderseits der Brücke schließen für den Straßenverkehr weitverzweigte Verteilerbauwerke an. Auf der Mannheimer Seite gabelt sich die Straße nach Norden und Süden auf den Luisenring, dazu kommen eine Abfahrt auf die Hafenstraße und eine auf die Zeughausplanken sowie eine Auffahrt aus der Akademiestraße und eine aus den Quadraten.

Wagen 5613 (6MGT, Duewag 1994) kommt hier am 29. Juni 2024 aus dem Tunnel unter dem Luisenring und wird gleich die Haltestelle Rheinstraße erreichen. Auch dieses Fahrzeug ist mittlerweile ausgemustert.

Die Straßenbahntrasse wird kreuzungsfrei ausgefädelt und mündet direkt in die Haltestelle Rheinstraße. Hinter dieser befindet sich ein Gleisdreieck. Die Strecke nach Norden bildet eine Schleife und unterquert die Haltestelle im rechten Winkel, um dann mittig unter der nördlichen Zufahrt zum Luisenring in einem Tunnel, dem einzigen Straßenbahntunnel auf der Mannheimer Seite, zu verschwinden.

Wagen 5631 (6MGT, Duewag 1995), am 26. Mai 2018 noch im Mannheimer Farbschema, wird gleich auf dem Weg ist die Neckarstadt West die untere Gleisebene der Haltestelle Rheinstraße erreichen.

Auf der Ludwigshafener Seite

Auf Ludwigshafener Seite geht die Brücke heute noch in die Hochstraße Nord über. Zudem gibt es Abfahrten nach Norden auf die Rheinuferstraße und nach Süden auf die Zollhofstraße.

Wenn die Linie 6 einst wieder auf die Kurt-Schumacher-Brücke zurückkehrt, wird es die U-Haltestelle Rathaus nicht mehr geben. Hier kommt der selbe Wagen wie auf dem vorigen Foto am 31. Mai 2026 von Mannheim herüber.

Die Straßenbahngleise verschwinden im Tunnel, wo sie sich mit der Strecke aus Oppau vereinigen und kurz darauf die dystopisch wirkende U-Haltestelle Rathaus erreichen. Diese verfügte einst über zwei Gleisebenen, deren untere im Jahr 2008 mit der Stilllegung der Linie 12 geschlossen wurde. Die obere Ebene weist noch Bauvorleistungen für ein drittes und viertes Bahnsteiggleis auf, die jedoch nie realisiert wurden.

Die Rhein-Neckar-Tram 1829/1830 (37T, Škoda 2024) hat am 31. Mai 2026 gerade aus Richtung Oppau die Haltestelle Gartenstraße erreicht. An diesem Tag fuhr hier noch die Linie 7. Seit dem 1. Juni verkehren hier die 6, 6A und die neue Linie 12.

Die Strecke nach Oppau mit der Haltestelle Gartenstraße liegt teilweise unter der nördlichen Auffahrt zur Kurt-Schumacher-Brücke.

Geplante Umbauten

Zum 1. Juni 2026 endete nun vorerst der reguläre Straßenbahnverkehr über die Kurt-Schumacher-Brücke. Gleichzeitig wurde die südlich gelegene Konrad-Adenauer-Brücke wieder für den Verkehr freigegeben. Die Linien 4, 4A, 6, 6A und 7 benutzen nun diese. Zunächst bleibt die Kurt-Schumacher-Brücke jedoch befahrbar, die Arbeiten beginnen erst im August 2026. Die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) vermied so jedoch einen zweiten Fahrplanwechsel innerhalb weniger Monate.

Hauptgrund für die Sperrung ist der Abbruch der Hochstraße Nord in Ludwigshafen. Diese wird künftig durch die ebenerdige Helmut-Kohl-Allee ersetzt. Die Arbeiten an der Brücke betreffen vor allem den Nordbrückenkopf. Der Straßenverkehr kann die Brücke während der Arbeiten dann nur noch in Richtung Ludwigshafen benutzen, dort auch nur in Richtung Norden. Betroffen ist auch die Straßenbahn, die linkrheinisch eine neue Trasse erhält. Die U-Haltestelle Rathaus, bisher unter dem mittlerweile abgebrochenen Rathaus-Center gelegen, wird durch eine offene Haltestelle ersetzt. Die Arbeiten werden etwa vier Jahre dauern.

Die U-Haltestelle bleibt jedoch vorerst noch für die Trams nach Oppau in Betreib. Wer sie sich noch einmal anschauen will, sollte nicht all zu lang warten.

Das ikonische Rathaus-Center, erbaut nach Plänen des Bonner Architekten Ernst van Dorp, enthielt ein Einkaufszentrum und Büros der Stadtverwaltung. Der 1979 eingeweihte, 72 m hohe Bau war ein Wahrzeichen der Stadt. Er wurde ab 2021 abgebrochen. Hier ist er auf einem Foto vom 26. Mai 2018 zu sehen.

Links

Die Kurt-Schumacher-Brücke bei Rhein-Neckar Industriekultur e.V.

Infos zur Netzumstellung ab 1. Juni auf den Seiten der RNV

Video zur geplanten Helmut-Kohl-Allee auf den Seiten der Stadt Ludwigshafen

Infos zur Straßenbahn im Rhein-Neckar-Raum bei Nahverkehr-Rheinneckar.de

„Der Traum von einer U-Bahn“: Artikel zu einstigen U-Bahn-Plänen beim RNV-Bog

Bilderbogen zum den Verstärkerlinien 2020/2021 bei Tramtrain.de

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