Buchtipp: „54 Momente der Straßenbahn von Ussolje“ von Viktor Kudrjawzew

Als Kind wollte Viktor Kudrjawzew immer Techniker bei der Straßenbahn werden. Doch er hatte als Schüler „kein Bock auf Mathematik“ und Physik hat ihn auch nicht interessiert. Für die Geisteswissenschaften, vor allem Geschichte, brachte er dagegen große Begeisterung auf. So lag es nahe, dass er sich mit der Entwicklung der Straßenbahn seiner Heimatstadt Ussolje-Sibirskoje beschäftigte. In diesem Frühjahr hat der heute 22-Jährige die Früchte seiner Arbeit in einem Buch veröffentlicht: „54 Momente der Straßenbahn von Ussolje“.

Das 148 Seiten starke Werk dokumentiert die Entwicklung der Straßenbahn der Industriestadt in der Oblast Irkutsk von den Anfängen bis heute. Der Autor hat zudem zahlreiche bislang unveröffentlichte Fotos zusammengetragen. Ein Schwerpunkt liegt dabei in den 1990er und 2000er Jahren, wobei er breite Unterstützung von internationalen Straßenbahnfans erhielt. Für diesen Beitrag habe ich mich mit Viktor über die Straßenbahn von Ussolje-Sibirskoje und die Arbeit an seinem Buch unterhalten.

Finanziert hat der das Projekt komplett aus der eigenen Tasche, „von einem Stipendium abgespart“, wie er sagt. „Der Straßenbahnbetrieb hat kein Geld und die Stadtverwaltung habe ich erst gar nicht kontaktiert, ebenso das Archiv oder dem Museum“, so Viktor. Unterstützt hat ihn die Straßenbahnverwaltung allerdings in Form von Quellen- und Bildmaterial. Darüber hinaus stützte er seine Forschungen von allem auf Zeitungsartikel sowie die Transphoto-Website und andere Online-Quellen.

Eins der jüngsten Straßenbahnnetze Russlands

Ussolje-Sibirskoje ist sicherlich eine der weniger bekannten Straßenbahnstädte Russlands. Der Ort im Osten Sibiriens wurde 1669 unter dem Namen Ussolje gegründet, als hier eine salzhaltige Quelle entdeckt wurde. Bald nahm eine Salzsiederei ihren Betrieb auf. Im Jahr 1899 erreichte die Transsibirische Eisenbahn den Ort, die Grundlage für die Industrialisierung der Region. Die nahm insbesondere nach der Oktoberrevolution Fahrt auf, als hier in großes Chemiewerk errichtet wurde. Ussolje erhielt 1925 Stadtrechte, den Namenszusatz Sibirskoje trägt es seit 1940.

Heute hat die Stadt rund 76.000 Einwohner. Das Straßenbahnnetz gehört zu den jüngsten in Russland, die erste Linie ging im Jahr 1967 in Betrieb. Ussolje-Sibirskoje war damit die dritte Stadt in der Oblast Irkutsk mit einer Straßenbahn – und die 114. in der gesamten Sowjetunion. Planung und Bau sowie den Betrieb in den Jahren bis zum Ende der Sowjetunion stellt Viktor Kudrjawzew im ersten von fünf Kapiteln dar.

Straßenbahn in Ussolje-Sibirskoje: Blick aus dem Führerstand
Blick aus dem Führerstand, 1974 (Foto: E. Brjudchanenko, Regionalbüro Ikutsk der Partei „Einiges Russland“)

Schon Anfang der 1970er Jahre wurde das Netz erweitert, Linien zu Industriebetrieben im Nordwesten der Stadt und zum neu entstehenden Wohnviertel am Bahnhof kamen hinzu. Die größte Ausdehnung von 14,4 Kilometer hatte das Netz erreicht, nachdem 1976 die Linie zum „Chimfarmkombinat“ eröffnet worden war.

Die Fotos aus den ersten beiden Jahrzehnten, meist in schwarz-weiß, sind spannende Zeitdokumente. Einige stammen aus dem Archiv des Straßenbahnbetriebs und zeigen Szenen aus dem Arbeitsalltag in der Werkstatt oder vom Gleisbau.

Straßenbahn in Ussolje-Sibirskoje: ein KTM-2 am Kino „Kristall“
Ein KTM-2 mit Beiwagen am 1971 eröffneten Kino „Kristall“, 1973 (Foto: E. Brjudchanenko, Regionalbüro Ikutsk der Partei „Einiges Russland“)

In den Anfangsjahren kamen in Ussolje-Sibirskoje Zweiachser der Reihe KTM-2 mit Beiwagen zum Einsatz. Ab 1970 bekamen sie Gesellschaft von KTM-5, welche zunächst mit Wagenkästen aus Kunststoff ausgestattet waren. Nachdem es mit diesem Fahrzeugtyp in mehreren Städten zu Bränden gekommen war, wurden sie schon 1971 umgebaut und erhielten Wagenkästen aus Metall.

Schwerpunkt auf der postsowjetischen Zeit

Besonderes ausführlich dargestellt und reich bebildert wurde im Buch die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. „Krise“ nennt der Autor das zweite Kapitel, das sich mit den 1990er Jahren beschäftigt. Er schildert, wie zur Mitte des Jahrzehnts von über 60 Wagen ganze 44 reparaturbedürftig waren, doch inflationsbedingt war kein Geld dafür da.

Im Gegensatz zu den früheren Zeiten gibt es nun jedoch Amateurfotos von Straßenbahnfreunden, meist Reisende aus Europa. Über das Internet knüpfte Viktor Kontakt zu Fotografen aus verschiedenen Ländern, etwa dem Esten Aare Olander. „Er war gerne bereit, mir seine Fotos aus den Jahren 1989, 2000 und 2008 zu geben. Dann stieß ich auf Alex Krakowsky aus Antwerpen, der mir unerwartet ganz einzigartige Fotos von der inzwischen stillgelegten Strecke zum ‚Chimfarmkombinat‘ zur Verfügung stellte“, so Viktor. Dieser zuletzt eröffnete Streckenabschnitt war nämlich im Jahr 2001 als einziger stillgelegt worden, doch der Belgier hatte Fotos von dort aus den Jahren 1994 und 2000.

Es folgten weitere Kontakte zu Straßenbahnenthusiasten aus Russland, der Ukraine, Deutschland, den Niederlanden, Polen, Österreich, Norwegen und Finnland. Kaum zu glauben, wer sich schon alles in die kleine Stadt in Ostsibirien verirrt hat.

Internationaler Besuch in Ussolje-Sibirskoje

Auffällig viele Fotos tragen das Datum 23. August 2000, was zudem noch ein eher regnerischer Tag war. Viktor Kudrjawzew widmet dem Ereignis ein eigenes Kapitel und beschreibt, wie um 7:38 Uhr morgens ein Trupp von 20 bis 25 Straßenbahnfans aus dem Zug Ust-Ilimsk – Irkutsk steigt, um alsbald mit einem gecharterten KTM-8 eine Runde durch die Stadt zu drehen. Die Reisegruppe, geleitet von Aare Orlander und dem Moskauer Sergej Tarchow war damals zweieinhalb Wochen im Osten Sibiriens und im Fernen Osten Russlands unterwegs, um Straßenbahn- und Trolleybusbetriebe zu besuchen.

Mit einem KTM-8 wurden die internationalen Gäste durch die Stadt befördert. (Foto: Thomas Fischer)

Die Teilnehmer aus aller Herren Länder haben natürlich ausgiebig fotografiert. Viktor konnte einige von ihnen ausfindig machen und erhielt von Ihnen reichlich Bildmaterial. Es zeigt die Wagen des Betriebs noch in den klassischen Farben rot-weiß (KTM-5) und blau-weiß (KTM-8). Wenig später sollte mit dieser Einheitlichkeit Schluss sein und die Straßenbahn wurde kunterbunt.

Die bunte Straßenbahn ab 2001

Für Viktor beginnt nun – neben den späten 1980ern und den 1990ern – eine der spannendsten Zeiten in der Geschichte der Tram seiner Heimatstadt. „Im Jahr 2001 wurde damit begonnen, die Straßenbahnen in Ussolje in verschiedenen Farben neu zu lackieren“, berichtet er. Es kamen Sonderlackierungen auf, gleichzeitig gab es die ersten Wagen mit Werbung. „Gerade die frühesten Werbemotive finde ich besonders interessant“, so Viktor.

In den 2000er Jahren änderten die Wagen ihr Erscheinungsbild. (Foto: Jewgenij Michaljew, 23. Oktober 2005)

Fotos aus diesen Jahren zeigen einen Wagen in Blau mit Aufschrift anlässlich des 335. Stadtjubiläums, andere mit Werbung für eine Bank, eine Großbäckerei oder eine Tankstellenkette sowie einen Wagen in Zebra-Optik.

Gegenwart und Zukunft

Im letzten Kapitel schildert Viktor, wie es im vergangenen Jahrzehnt wieder aufwärts ging mit dem Straßenbahnbetrieb. Im Jahr 2010, als vielerorts noch Linien stillgelegt wurden, wurde in Ussolje-Sibirskoje ein neuer Streckenabschnitt in Betrieb genommen. Wenn auch nur kurz, so schuf er endlich eine direkte Verbindung zum Bahnhof. Seit den 1970ern hatte sich die Wendeschleife einige hundert Meter entfernt befunden.

Zudem kamen in den vergangenen Jahren gebrauchte KTM-8 und KTM-19 aus Moskau, um den Fuhrpark zu verjüngen. Nach wie vor in der Schublade liegt der Plan für einen weiteren Neubauabschnitt auf dem Prospekt Kosmonawtow in der Nähe des Bahnhofs.

Heute sind in Ussolje-Sibirskoje KTM-5, KTM-8 und KTM-19 unterwegs. (Foto: Viktor Kudrjawzew)

Im Anhang finden sich interessante Daten zur Netzentwicklung, zur Entwicklung der Fahrpreise und zum Fuhrpark, unter anderem eine komplette Fahrzeugtabelle. Zudem hat der Autor für jeden Wagen die wechselnden Lackierungen und Werbemotive im Laufe der Zeit dokumentiert. Abbildungen von Fahrscheinen unterschiedlicher Epochen dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Breite Unterstützung aus dem In- und Ausland

Wenngleich es für das Projekt keine finanzielle Hilfe gab, so war die Unterstützung auf der inhaltlichen Seite enorm, wie Viktor berichtet. Ganze 17 Fotografen haben ihm Bilder zur Verfügung gestellt, davon 13 aus dem Ausland. Seine einstige Russischlehrerin Larissa Andrejewa übernahm das Lektorat und die Freundinnen Anastasija Choroschilowa, Jekaterina Gubanowa und Darja Ewdokimona halfen bei der Bildauswahl.

Von dem Buch wurden 105 Stück gedruckt, von denen 19 Exemplare an Bibliotheken gingen und eins im Verlagsarchiv blieb. Den Rest vertreibt der Autor in Eigenregie. Wer eines haben möchte, kann ihm auf Facebook oder VKontakte eine Nachricht zukommen lassen. Das gute Stück kostet 2000 Rubel (ca. 24 Euro) plus Versandkosten. Auch wer des Russischen nicht mächtig ist, wird seine Freude an den zahlreichen Fotos haben. Zudem stellt der Autor auf Anfrage gerne eine englische Übersetzung zur Verfügung.

„54 Momente der Straßenbahn von Ussolje“ war mit Sicherheit nicht das letzte Buch von Viktor Kudrjawzew. Was genau er als nächstes plant, mag er jedoch noch nicht verraten. Er sagt nur so viel: „In der Oblast Irkutsk gibt es fünf Städte mit elektrischem Nahverkehr, Irkutsk, Angarsk, Ussolje-Sibirskoje, Bratsk und Ust-Ilimsk. Und es ist ein riesiges Land. Man kann eigentlich über jedes Nahverkehrssystem etwas schreiben.“

Links

Seite mit Infos und Leseproben (transphoto.org)

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