Fahrzeugporträt: Spektr, der Tatra-Nachfahre aus dem Ural

Neben Reiseberichten sollen hier auch hin und wieder Artikel über Fahrzeuge, Museen oder andere mit der Welt der Straßenbahnen verwandte Themen erscheinen. Den Anfang der Fahrzeugporträts macht ein Wagentyp, der mir 2018 in Kasan zum ersten Mal begegnet ist und mir aufgrund seiner kantigen Form sofort gefallen hat. Seine Entstehungsgeschichte ist zudem besonders interessant, hat er seine Existenz doch indirekt dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu verdanken.

Das in den schwierigen 1990er Jahren entwickelte Fahrzeug mit dem Namen Spektr und der Baureihennummer 71-402 legte zudem den Grundstein für die Straßenbahnproduktion des Rüstungskonzerns Uraltransmasch.

Ersatzteilmangel in den 1990er Jahren

Jekaterinburg, zu Sowjetzeiten Swerdlowsk genannt, ist eine der Städte, deren Straßenbahnbetriebe jahrelang Tatra-Wagen des tschechoslowakischen Herstellers ČKD beschafft haben. Bereits 1958 war das erste Fahrzeug aus Prag hier eingetroffen. Der Zerfall der Sowjetunion und die Wirtschaftskrise brachten die Straßenbahn in der Uralmetropole daher in ernste Schwierigkeiten. Aufgrund des Währungsverfalls und des allgemeinen Geldmangels war an die Beschaffung neuer Wagen, die mit dem bisherigen Fuhrpark kompatibel waren, nicht mehr zu denken. Die letzten Tatra T6B5 waren im Jahr 1989 eingetroffen. Ja sogar die Beschaffung von Ersatzteilen aus Prag war unbezahlbar.

Der Mangel an Ersatzteilen sei damals bei den wöchentlichen Sitzungen im Technikausschuss des Straßenbahnbetriebs das Thema Nummer eins gewesen, erinnert sich Valentin Prokopjew in einem Interview mit dem Magazin „E1.ru“. Er war von 1989 bis 2005 Chefingenieur der Ekaterinburger Straßenbahn. Einige Teile habe man mit der Zeit selbst herstellen können, für andere fand man Zulieferer bei der Metallindustrie in der Stadt. Doch auf Dauer löste das nur einen Teil des Problems, denn viele Fahrzeuge waren überaltert und mussten ersetzt werden.

Die Geburt des Spektr

Da kam die kühne Idee auf, eine eigene Straßenbahnproduktion in Jekaterinburg aufzubauen. Direktor Gennadij Sergejew machte sich dafür bei Bürgermeister Arkadij Tschernezkij stark. Sowohl dieser als auch der Gouverneur der Oblast Swerdlowsk, Eduard Rossel, waren von dem Vorhaben angetan und unterstützten es.

Geldgeber fand man zudem bei den Verkehrsbetrieben anderer russischer Städte, die vor den gleichen Problemen standen, Samara, Barnaul, Nischnij Nowgorod, Uljanowsk, Twer, Ischewsk und Wolgograd. Die Moskauer Verkehrsbetriebe, die ebenfalls viele Tatra-Wagen im Einsatz hatten, glaubten offenbar nicht an den Erfolg und beteiligten sich nicht an den Entwicklungskosten.

Als Chefentwickler wurde im Jahr 1993 der Ingenieur Boris Erykalow eingeladen. Auf ihn soll auch der Name des Projekts zurückgehen. „Spektr“ ist eine Abkürzung für „Sowmestnoje proiswodstwo Ekaterinburgskich tramwajew“ („Gemeinschaftsproduktion Jekaterinburger Straßenbahnen“).

„Haben Sie eine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen?“

Nun machte man sich auf die Suche nach Partnern für Entwicklung und Produktion eines Straßenbahnfahrzeugs, das auf die Konstruktion des Tatra T6B5, einem vierachsigen Einrichtungswagen, aufbauen sollte. Als Konstruktionsbüro konnte man das Staatliche Raketenzentrum Makejew in Miass gewinnen. Die Fahrwerke sollten vor Ort in der Jekaterinburger Straßenbahnreparaturwerkstatt entstehen. Für den Bau der Antriebsmotoren verpflichtete man das Barantschinsker elektromechanische Werk, die Wagenkästen sollten im Werchnepyschminsker Maschinenbauwerk entstehen, wo auch die Endmontage vorgesehen war.

Zugetraut hat den Ekaterinburgern ihr ehrgeiziges Ziel – ohne jede Erfahrung einen eigenen Straßenbahnwagen entwickeln – kaum jemand. „Haben Sie eine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen? Weltkonzerne sind an solchen Aufgaben gescheitert. Aber Sie? Keine Erfahrung, keine Ausbildung, dazu noch begrenzte Ressourcen“, soll der Chefkonstrukteur der Ust-Katawer Straßenbahnwerke damals zu Boris Erzykalow gesagt haben.

Als die Entwickler in Miass die ersten Konstruktionszeichnungen fertiggestellt hatten, verließ das Werchnepyschminsker Maschinenbauwerk das Konsortium und man musste sich einen neuen Partner für die Wagenkästen und die Endmontage suchen. Den fanden die Ingenieure 1995 in der Jekaterinburger Waffenschmiede Uraltransmasch, welche auch gleich den Bau der Fahrwerke übernahm.

Prototyp mit Startschwierigkeiten

Zwei Jahre später, im Oktober 1997, stand das erste Fahrzeug auf den Gleisen der Jekaterinburger Straßenbahn. Es erhielt die Baureihenbezeichnung 71-401. Es dauerte allerdings Monate, bis die Techniker es überhaupt zum Laufen brachten und danach waren sie wiederum lange Zeit mit der Fehlerdokumentation beschäftigt.

Ende des Jahres begann man mit der Konstruktion eines überarbeiteten Modells, das schließlich am 29. Juni 2000 die Zulassung vom Verkehrsministerium erhielt. Nun konnte das Fahrzeug, bezeichnet als 71-402, in Serienproduktion gehen.

Die lief im Jahr 2001 an, wobei noch einmal Änderungen am Design des Wagenkastens vorgenommen wurden. Die Seitenfenster im Fahrerraum sind seither etwas kleiner. Mit seiner kantigen Gestaltung wirkt der Spektr etwas aus der Zeit gefallen und erinnert eher an die 1980er Jahre als an die frühen 2000er. Die Form des Wagenkastens und der Fenster lehnte sich recht eng an das tschechische Vorbild an, die Frontscheinwerfer waren jedoch rechteckig.

Serienproduktion von 2001 bis 2005

Das Fahrzeug gleicht in etlichen Details dem Tatra T6B5. Es ist knapp 15,3 Meter lang und verfügt über 32 Sitzplätze. Die maximale Fahrgastkapazität wird mit 168 Personen pro Wagen angegeben. Wie das tschechische Vorbild verfügt es über drei Doppelschwenktüren. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 75 Km/h. Die Steuerung erfolgt per Pedal.

Zusammen mit dem Prototypen wurden bis 2005 insgesamt 55 Wagen der Reihe 71-402 gebaut. Die meisten davon blieben in der Oblast Swerdlowsk: 20 Stück wurden an Jekaterinburg geliefert, 14 nach Nischnij Tagil. Die Mini-Betriebe Krasnoturinsk und Woltschansk im Norden der Oblast erhielten vier und einen Wagen. Die einzige größere Bestellung außerhalb der Region kam aus Kasan, wohin zehn Wagen verkauft wurden. Drei gingen nach Samara und je einer nach Ufa und Ischewsk. Ein einziges Fahrzeug wurde ins Ausland verkauft, nämlich 2004 an die Straßenbahn im usbekischen Taschkent.

Ein Rückschlag für das Projekt war offenbar, dass die Moskauer Verkehrsbetriebe auf ein kostenloses Erprobungsfahrzeug bestanden. Das konnte sich das Konsortium nicht leisten und so war dieser wichtige Markt verloren. Moskau war zudem schon Mitte der 1990er Jahre dazu übergegangen, Wagen aus Ust-Kataw zu kaufen.

Nachfolger des 71-402 wurde bereits ab 2003 das Modell 71-403, das ebenfalls unter dem Namen Spektr vermarktet wurde und komplett in Eigenregie von Uraltransmasch entwickelt wurde.

Noch 23 von 55 Wagen im Dienst

Nach der schwierigen Startphase in den 1990er Jahren ist das Unternehmen mittlerweile zu einem etablierten Hersteller von Straßenbahnfahrzeugen in Russland geworden. Die Nachfolger des ersten Spektr fanden zum Beispiel Absatz in Nischnij Nowgorod und Samara. Das aktuelle Modell 71-407-01 wurde in größeren Stückzahlen nach Kolomna, Kasan und Omsk geliefert. Omsk erhält derzeit zudem die neue Baureihe 71-412. Auch Jekaterinburg bestellt immer wieder kleinere Stückzahlen. Zuletzt wurde im vergangenen Jahr der „Retro-Wagen“ der Reihe 71-415R angeliefert.

Den Original-Spektr mit seiner charmanten Front kann man heute jedoch nur noch in drei Städten antreffen. In Jekaterinburg gehören die eleganten Wagen nach wie vor zum alltäglichen Bild, hier sind noch 16 Wagen im Einsatz. Der Prototyp mit der Betriebsnummer 801 war noch bis 2018 in Betrieb. Bei der Straßenbahn in Nischnij Tagil konnten sich vier Stück bis heute halten, in Kasan sind es momentan noch drei. In Jekaterinburg ist zudem geplant, einen Wagen museal zu erhalten.

Links

E1.ru: „Man prophezeite uns, dass wir scheitern“: Wie man im Ural in den 90ern seine eigene Straßenbahn erfand, um tschechische Wagen zu ersetzen (russisch)
Fahrzeugliste (transphoto.org)

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