Straßenbahn Kemerowo

In Sibiriens Kohlenpott 1/4: Kemerowo

Kemerowo, Oblast Kemerowo/Kusbass
Oktober 2020

Sein rotes Herz scheint vom Hügel herab in den wolkenverhangenen Abendhimmel, schon vom anderen Ufer des Flusses Tom ist er zu sehen. Den rechten seiner kräftigen Arme stützt er auf seinen Abbauhammer, im linken hält er ein Stück Kohle. Der Bergmann des Bildhauers Ernst Neiswestnyj wurde 2003 hier hoch über der Stadt errichtet, um „die Heldentaten der härtesten und gefährlichsten Arbeit“ zu würdigen.

Ich bin in Kemerowo, der Hauptstadt der gleichnamigen Oblast, besser bekannt unter dem Namen Kusbass. Es ist die wohl berühmteste Montanregion Russlands, ein Landstrich mit kaum touristischen Anziehungspunkten, dafür jedoch einer starken regionalen Identität. Er befindet sich etwa 250 Kilometer südöstlich der Millionenmetropole Nowosibirsk. Hier ist der Auftakt für eine vierteilige Beitragsreihe über die Straßenbahnbetriebe in Sibiriens Kohlenpott.

300 Jahre Kusbass

Im Jahr 2021 feiert der Kusbass sein 300. Jubiläum. Wer etwas über die Geschichte der Region erfahren möchte, der wird im Museum Krasnaja Gorka, ganz in der Nähe des imposanten Bergmannsdenkmals, fündig. Im Frühjahr 1721 entdeckte der deutsche Arzt und Naturforscher Daniel Gottlieb Messerschmidt hier auf dem Hügel oberhalb des Flusses Tom Steinkohlevorkommen. Später stellte sich heraus, dass sie zu den größten der Welt gehören. Damit legte er den Grundstein für das heutige Kohlerevier.

Denkmal für die Bergleute des Kusbass
Das Denkmal für die Bergleute des Kusbass von Ernst Neiswestnyj

Bis sich dieses zu seiner vollen Blüte entfalten konnte, sollten jedoch noch viele Jahre vergehen. Zu abgelegen war das Gebiet, zudem kaum besiedelt. Erst der Bau der Transsibirischen Eisenbahn samt Zweigstrecken schuf die Grundlage für die Industrialisierung, die schließlich nach der Oktoberrevolution in rasantem Tempo voranschritt.

In den Anfangsjahren der Sowjetunion wurde eine relativ liberale Wirtschaftspolitik verfolgt und so setzten die Verantwortlichen auf Know-how aus dem Ausland. Dabei hatte man vor allem sozialistisch gesinnte Spezialisten mit Pioniergeist im Blick. Um das Kohlebecken zu erschließen, wurde 1922 die „Autonome Industriekolonie Kusbass“ gegründet. Das Unternehmen unterhielt Büros in den USA, Deutschland und anderen Staaten, um Fachleute zu rekrutieren. Vorsitzender wurde der niederländische Marxist und Bauingenieur Sebald Rutgers, der zuvor in den USA gelebt hatte. Der Großteil der rund 750 Spezialisten kam ebenfalls aus Amerika, weitere stammten unter anderem aus Deutschland, Finnland und Serbien. Sebald Rutgers erreichte bei der Politik, dass das Unternehmen weitgehend unabhängig wirtschaften durfte.

Junge Stadt mit Sowjetcharme

Die Entstehung der heutigen Stadt Kemerowo ist direkt mit dem Aufstreben der Industrie verbunden. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich hier nur Dörfer befunden. Im Jahr 1918 wurde die Siedlung Schtscheglowo zur Stadt erhoben und in Schtscheglowsk umbenannt. Den heutigen Namen Kemerowo bekam der Industriestandort erst 1932.

Zu dieser Zeit war das Experiment der Autonomen Industriekolonie bereits wieder beendet. Das Modell eines von ausländischen Spezialisten geleiteten Industriekomplexes passte nicht mehr zur poli­tischen Lage und 1926 wurden die Verträge gekündigt. Fast alle Ausländer verließen das Land, manche wurden gar Opfer von Repressionen.

Architektonisch hat die internationale Phase nur wenige, aber durchaus bemerkenswerte Spuren hinterlassen. Die Innenstadt von Kemerowo ist dagegen eher durch den Sozialistischen Klassizismus geprägt. Auch die Sozialistische Moderne der 1970er und 1980er Jahre hat ihre Spuren hinterlassen. Abseits des Zentrums wird die Stadt mitunter schlagartig sehr dörflich, es gibt ausgedehnte Einfamilienhaussiedlungen.

Kemerowo hat heute etwa 550.000 Einwohner. Bergwerke gibt es in der direkten Umgebung der Stadt nur noch wenige, dafür jedoch eine Kokerei und zahlreiche Betriebe der chemischen Industrie.

Eine Hochburg der KTM-19

Eine Straßenbahn hat Kemerowo seit 1940. Das Netz besteht heute aus einem Innenstadtring, von dem Außenäste zu insgesamt sechs Endhaltestellen ausgehen. Zwei Linien überqueren den Fluss Tom auf der Kusnezker Brücke und erschließen die Siedlungen auf der dortigen Seite.

Zum Einsatz kommen größtenteils KTM-19 von der Ust-Katawer Waggonbaufabrik. Darunter sind sowohl Wagen, die direkt nach Kemerowo geliefert wurden, als auch aus Moskau übernommene Fahrzeuge. Insgesamt sind es über 40 Wagen verschiedener Unterbaureihen. Daneben gibt es noch einige Exemplare der Baureihen BKM 60102 und BKM 62103 des belarussischen Herstellers Belkommunmasch sowie Restbestände der klassischen KTM-5. Diese sind teils modernisiert, teils noch weitgehend unverändert.

Der Zustand der Gleise ist passabel, sieht man von einigen abenteuerlichen Stellen ab. Ein Taxifahrer sagte mir, dass sich Leute aus Nowosibirsk hin und wieder über den guten Zustand der Straßenbahn im Vergleich zu der ihrer Heimatstadt wunderten.

Zentrum des Netzes ist die Haltestelle KEMS am Kusnezkij Prospekt, benannt nach dem Elektromechanischen Werk Kemerowo. Hier gibt es eine Wendeschleife, in deren Mitte sich die Kantine des Straßenbahnpersonals befindet. Auf dem kleinen Platz davor ist eine Kopie des ersten Straßenbahnwagens von Kemerowo als Denkmal aufgestellt.

Der Innenstadtring führt vorbei an markanten Punkten wie dem Eishockey-Stadion Chimik, dem Warenhaus ZUM, der wissenschaftlichen Bibliothek der Oblast Kemerowo und dem Park der Engel am Prospekt Lenina. Der wurde zum Gedenken an die Opfer der Brandkatastrophe im Einkaufszentrum „Simnjaja Wischnja“ im Jahr 2018 errichtet. Kurz darauf wird der Bahnhof erreicht, vor dem eine imposante Güterzugdampflok der Baureihe L als Denkmal steht.

Endzeitstimmung im Sawodskij Rajon

Für meine erste Fahrt wählte ich die Linie 8, welche durch den Sawodskij Rajon am westlichen Stadtrand zur Düngemittelfabrik SDS Asot führt. Von der zentralen Station KEMS ging es im KTM-19 mit der Nummer 121 zunächst in Richtung Bahnhof, wo die Gleise zum Teil doch recht wild aussehen und sich regelrechte Wasserlöcher unter den Schienen auftun. Kurz darauf überquert die Strecke die Bahngleise und es beginnt ein Wohngebiet mit Einfamilienhäusern. Das Wetter war nasskalt und trüb, Reste von Schnee lagen noch hier und da. Laut dem Taxifahrer, der mich tags zuvor vom Flughafen in die Stadt gebracht hatte, hatte es kurz zuvor noch den schönsten Altweibersommer gegeben.

Nach kurzer Fahrt stieg ich an der Uglowaja Uliza wieder aus. Ein entlang der Gleise aufgeständertes Fernwärmerohr bot sich als Kulisse an. Zudem stiegen Rauchschwaden aus einem Müllcontainer auf, die über die Gleise zogen. Es lag ein beißender Geruch in der Luft, leichter Schneeregen setzte ein. Statt goldenem Oktober gab es nun eben dystopische Novemberstimmung – und der lag durchaus eine gewisse Romantik inne. In den Rauchschwaden erwischte ich einen der modernisierten KTM-5 in weiß mit Werbung für einen Sanitärbetrieb.

Die Fahrerin eines in Richtung Innenstadt strebenden Wagens sah mich beim Fotografieren und hielt mitten auf der Strecke für eine Unterhaltung an. Warum ich denn gerade hier Fotos machen würde, wollte sie wissen. Noch mehr überrascht war sie dann, dass es auch noch ein Ausländer war, der sich in diese Ecke verirrt hatte.

Ich folgte der Strecke noch bis zur Haltestelle Popetetschka, wo die Fernwärmeleitung die Trasse überquert. Bei leichtem Schneefall kam mein Wagen 121 von der Hinfahrt auf seiner nächsten Runde um die Ecke gebogen. Aus der anderen Richtung kehrte der modernisierte KTM-5 zurück von der Endstation. Mit dem folgenden Wagen fuhr ich wieder in die Stadt.

Die Corona-bedingte Maskenpflicht wurde strikt durchgesetzt. Wenn ein Hinweis der jungen Schaffnerin nicht reichte, gab es einen beherzten Anschnauzer von der Fahrerin über die Lautsprecheranlage.

Zur Wendeschleife in der Siedlung Juschnij

Als nächstes stand die Linie 5 auf dem Programm. Sie führt zur Siedlung Juschnij und hat ein ähnlich ländliches Flair. Hier fuhr ich zunächst durch bis zur Endstation, wo ein kleiner Unterstand Schutz vor Regen bietet. Die Strecke endet mit einer Wendeschleife durch die 1-ja Zwetotschnaja Uliza und die Uliza 11-ja Linija.

Kaum etwas weißt hier noch darauf hin, dass man sich in einer Großstadt befindet. Zahlreiche Wachhunde begannen zu bellen, als ich eine Runde durch die Wendeschleife drehte und einige Wagen abwartete. Hier waren auch die türkis lackierten BKM 60102 unterwegs. Einer davon hielt am Ende der Schleife an. Die Fahrerin verschwand für einige Zeit in einem benachbarten Haus.

Auch sie war ganz interessiert, was mich denn hier zum Fotografieren bewegte und die Weiterfahrt verzögerte sich aufgrund unserer Unterhaltung um einige Minuten.

Ich ging die Strecke nun zu Fuß ein Stück weit zurück bis zur Haltestelle 10-ja Linija. Dort entstanden noch einige Fotos, bevor es zurück in die Stadt ging.

Von der City zur Kusnezkij-Brücke

So langsam dämmerte es schon. Die Neonlichter des Einkaufszentrums „Ja“ nahe der Haltestelle KEMS spiegelten sich in der regennassen Straße und boten sich als Kulisse mit Bladerunner-Stimmung an.

Am nächsten Tag nahm ich die gleiche Szenerie noch einmal bei Tageslicht auf. Das Wetter war weiterhin trüb.

Die beiden Linien 3 und 10 überqueren auf der Kusnezkij-Brücke den Fluss Tom. Mit deren Bau war schon 1990 begonnen worden. Doch in den Wirren der postsowjetischen Jahre war kein Geld vorhanden und so verschob sich die Fertigstellung immer wieder. Erst 2003 konnte sie schließlich den Betrieb aufnehmen. Daneben steht noch die parallele alte Brücke.

Auf der rechten Flussseite wird die Straßenbahntrasse mittels einer Rampe aus der Straßenmitte ausgefädelt. Auf dieser Rampe befindet sich die Haltestelle Nabereschnaja, welche über Fußgängerstege zu erreichen ist.

Von hier aus gelangt man über eine Treppe in wenigen Minuten zum eingangs erwähnten Denkmal für die Bergleute des Kusbass. Von dort oben bietet sich auch eine gute Aussicht über die Stadt und die Kokerei. Als hier oben noch Bergwerke in Betrieb waren, wurde die Kohle mittels einer Materialseilbahn zur Verarbeitung auf die andere Seite befördert.

Ländliches Flair im Kirow-Bezirk

Jenseits der Brücke führt die Straßenbahnstrecke der Logowoje Schosse entlang steil den Berg hinauf. Gerade bei feuchtem Herbstwetter sind die talwärts fahrenden Wagen hier sehr vorsichtig unterwegs.

An der Haltestelle DK Schachtjorow gabelt sich die Strecke. Nach links führt die Linie 3, welche ich am zweiten Tag meines Besuchs erkundet habe. Sie verläuft durch ein abwechslungsreiches Gebiet, mal durch den Wald, mal durch Industriegelände und hauptsächlich durch dörflich geprägte Siedlungen. Ich fuhr bis zur Haltestelle Prawotomsk in der Nähe eines gleichnamigen Güterbahnhofs. Von dort ging es zu Fuß der Strecke entlang zurück in Richtung Stadt.

Es war ein Sonntagvormittag, der Takt war nicht sehr dicht, die eingesetzten Fahrzeuge konnte man an einer Hand abzählen. Die Trasse führt etwa einen Kilometer geradeaus der Uliza Surikowa entlang. An der Haltestelle Strommasch befindet sich ein kleiner Lebensmittelladen, vor dem sich eine nette Szenerie mit einem wartendem Lada bot.

Es folgte ein Überlandabschnitt am Waldrand, der eine kleine Senke durchquert, in der ein Bach mit dem Namen Krutoj fließt. Entlang der Gleise zieht sich der Friedhof des Kirow-Bezirks.

Es folgte bald wieder Bebauung. Hinter einem Lebensmittelgeschäft waren zwei besoffene Gestalten in einen Streit verwickelt, deren Aufmerksamkeit ich lieber nicht auf mich ziehen wollte. Die Stelle war aber doch zu nett, um sich ohne Foto wieder vom Acker zu machen. Ich blieb unbemerkt, bis der nächste Wagen des Wegs kam.

An der Haltestelle ZEMM, die ihren Namen von einem mittlerweile liquidierten Elektrotechnikunternehmen hat, machte ich das nun dritte Foto von Wagen 142. Hinter der dortigen Kurve verschwindet sie Strecke stadteinwärts in einem kleinen Wäldchen. Dort befindet sich auch eine nur selten benutzte Wendeschleife.

An der Stelle, wo die Gleise wieder aus dem Wald heraustreten, steht ein Backsteinhäuschen, das ein kleines Haushaltswarengeschäft beherbergt. Dessen blaue Fassade passte bestens zu dem KTM-19 im „300 Jahre Kusbass“-Sonderfarbkleid, der gerade an der dortigen Haltestelle Rudnik stoppte.

Angesichts der hereinbrechenden Dunkelheit blieb nicht mehr viel Zeit für die Erforschung des zweiten Streckenabschnitts rechts des Tom. Dort befindet sich deutlich städtischere Wohnbebauung entlang des Prospekt Schachtjorow. Es zog Nebel auf, in dem sich noch zwei KTM-19 für abschließende Fotos vor einem beeindruckenden Wohnblock in Szene sezten.

Hiernach machte ich mich auf den Weg hinunter in die Stadt, wo noch ein Besuch im Restaurant Saboj anstand. Dort kann man in Bergbauatmosphäre speisen. Der Eingang sieht aus wie ein Stollen und man sitzt in weitgehender Dunkelheit auf roten Sofas, die auf Grubenwagen montiert sind. Ein Bergmann hält auf Knopfdruck Reden über seine Arbeit, serviert wird raffinierte sibirische Küche.

Am nächsten Tag ging es dann mit dem Bus weiter nach Nowokusnezk. Als ich auf dem Rückweg eine Woche später noch einmal in Kemerowo durch kam, machte ich in einem Irish Pub gar noch Bekanntschaft mit einem echten Bergmann namens Sergej.

Links

Netzplan (transphoto.org)
Fahrzeugliste (transphoto.org)

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