Straßenbahn Valenciennes: Überlandtram im Nordfranzösischen Kohlerevier

Wagen 21 (Citadis 302, Alstom 2006) an der Haltestelle Valenciennes – Gare

Von Charleroi aus war ich im Mai 2026 für einen Tag zu Besuch bei der Straßenbahn Valenciennes. Bei dieser handelt es sich um einen noch recht jungen Betrieb, der mit zwei langen Linien an die Tradition der einstigen Überlandstraßenbahnen in der Region anknüpft. Dabei entstanden die hier gezeigten Fotos, größtenteils am langen, eingleisigen Nordast der Linie T2 nach Vieux-Condé, der mit Überlandabschnitten und Ortsdurchfahrten besonders interessant ist.

Mit rund 43.000 Einwohnern zählt Valenciennes zu den kleinsten Städten in Frankreich, die eine eigene Straßenbahn besitzen. Sie liegt im Nordfranzösischen Kohlerevier, französisch Bassin minier du Nord-Pas-de-Calais, rund 50 Kilometer südöstlich von Lille und nur wenige Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. Die geringe Einwohnerzahl täuscht darüber hinweg, dass Valienciennes durchaus Großstadtflair hat. Im Gegensatz zu Deutschland haben in Frankreich viele Gemeinden im Umland größerer Städte ihre administrative Selbständigkeit bewahrt.

Valenciennes ist Teil einer grenzüberschreitenden ehemaligen Bergbauregion, die neben Lothringen einst eines der wichtigsten Zentren der Schwerindustrie Frankreichs war. Sie reicht etwa vom wallonischen Liège im Osten bis Auchel im Westen. Typisch für solche Regionen, entwickelte sich ab Ende des 19. Jahrhunderts um Valenciennes ein Netz an Überlandtrams. Wie so viele in Frankreich, überlebte dieses jedoch die 1960er Jahre nicht.

2006 eröffnet: die heutige Straßenbahn Valenciennes

Die heutige Straßenbahn Valenciennes wurde 2006 im Zuge der Renaissance der Straßenbahn eröffnet. Die ersten Pläne hierfür gab es in den 1990er Jahren, nachdem sowohl die ausschliessliche Einrichtung von Busspuren als auch eine vollautomatische Bahn nach dem System Véhicule automatique léger (VAL) verworfen worden waren. Die regionale Verkehrsbehörde Syndicat intercommunal des transports urbains de la région de Valenciennes (SITURV) traf 1998 den Beschluss zum Bau einer ersten Straßenbahnlinie.

Wagen 15 (Citadis 302, Alstom 2006) auf der Avenue Georges Clemenceau im Stadtzentrum

Diese wurde 2006 und 2007 in zwei Abschnitten in Betrieb genommen. Sie verbindet die Universität in der südlich gelegenen Nachbargemeinde Famars mit dem Zentrum und der Stadt Denain im Westen. Die 18,3 km lange Strecke verläuft auf dem Westabschnitt nach Denain teilweise auf der Trasse einer einstigen Eisenbahnstrecke. Die ursprüngliche Bezeichnung der Linie war 1, ab 2010 dann A und heute T1.

Im Jahr 2014 wurde die zweite Linie T2 in Betrieb genommen. Sie zweigt nördlich des Bahnhofs Valenciennes von der Linie T1 ab und erschließt sechs nördlich der Stadt gelegene Nachbargemeinden. Kurz vor der Endstation in Vieux-Condé wird auch hier die Trasse einer einstigen Eisenbahnstrecke benutzt. Die 13 km lange Strecke wird auch als Tramway du Pays de Condé bezeichnet und ist weitgehend eingleisig mit zahlreichen Kreuzungsstellen und einigen Begegnungsabschnitten.

Das heutige Straßenbahnnetz von Valenciennes: rot die Linie T1, blau die Tramway du Pays de Condé. Die Linie T2 verkehrt im Süden bis zur Station Vosges (Wikimedia Commons: Fulvio314, CC BY-SA)

Ursprünglich endete die zweite Linie im Süden ebenfalls an der Universität, doch mittlerweile wurde an der Haltestelle Vosges im Süden der Stadt eine Kehranlage eingerichtet, so dass der Endpunkt nun dort ist. Einst war noch ein weiterer Ast ins belgische Quiévrain geplant, der jedoch nicht realisiert wurde.

Betrieben wird die Straßenbahn Valenciennes ebenso wie die Stadtbusse seit 2023 von Keolis Hainaut Valenciennois. Zum Einsatz kommen Alstom Cidadis 302; das normalspurige System ist mit 750 V DC elektrifiziert. Die Linie T1 verkehrt im Zwölfminutentakt, die Linie T2 im Viertelstundentakt.

Entlang der Tramway du Pays de Condé

Während die Linie T1 eher den Charakter einer Stadtbahn mit zweigleisiger Trassierung, Vignolschienen und teilweise Hochkettenfahrleitung hat, ist die Linie T2 eine klassische Überlandstraßenbahn. In den Ortschaften verläuft die Trasse meist mittig auf den Hauptstraßen auf einer eigenen Spur, die durch Bordsteine von den Spuren des Individualverkehrs getrennt ist. Eine Besonderheit sind die Überlandabschnitte. Hier hat man Rillenschienen in einem etwa drei Meter breiten Asphaltstreifen verlegt.

Wagen 03 (Citadis 302, Alstom 2005) auf dem Überlandabschnitt zwischen Fresnes-sur-Escaut und Esautpont

Ein solcher Abschnitt befindet sich nördlich der Gemeine Escaupont, wo die Trasse die Hauptstraße D935A verlässt und außerhalb der Siedlungen nach Fresnes-sur-Escaut führt.

Wagen 07 (Citadis 302, Alstom 2005) an der Haltestelle Fresnes – Mairie

Am dortigen Rathaus beginnt ein rund 400 m langer Begegnungsabschnitt. Direkt nach der Haltestelle Mairie biegt die Strecke wieder auf die Hauptstraße D935A ein, die hier Rue Émile Zola heißt.

Wagen 09 (Citadis 302, Alstom 2005) auf der Rue Émile Zola in Fresnes-sur-Escaut

Dieser folgt sie weitere 600 in Mittellage bis zum Ortsende, wobei es meist entlang für die Region typischer Backsteinhäuser geht.

Wagen 19 (Citadis 302, Alstom 2006) auf der Rue Emile Zola in Fresnes-sur-Escaut

Ehemalige Eisenbahnbrücke über die Schelde

Am Ortsende schwenkt die Trasse nach Westen und überquert auf der Pont du Moulin den Fluss Escaut. Hierzulande ist er eher unter seinem niederländischen Namen Schelde bekannt.

Wagen 27 (Citadis 302, Alstom 2012) auf der Brücke über den Canal de l’Escaut zwischen Condé-sur-l’Escaut und Fresnes-sur-Escaut

Die 65 m lange Bogenbrücke stammt noch von der 1873 eröffneten Bahnstrecke Somain – Péruwelz und wurde Anfang der 1980er Jahre erbaut. Der Güterverkehr auf der Bahnstrecke endete 1989, und die Brücke war bis zur Eröffnung der Tram ohne Funktion.

Wagen 17 (Citadis 302, Alstom 2006) auf der Brücke über die Hayne in Condé-sur-l’Escaut

Nach der Brücke schwenkt die Strecke wieder auf die D935A ein und erreicht bald die Stadt Condé-sur-l’Esaut, die dem Landstrich seinen Namen gibt. Deren Altstadt wird in einem Bogen östlich und nördlich umfahren, wobei es einen weiteren Begegnungsabschnitt und eine Ausweichstelle an der Haltestelle Hôtel de Ville gibt. Kurz nach dieser wird der Fluss Hayne auf einer weiteren Brücke überquert.

Straßenbahn Valenciennes

Wagen 06 (Citadis 302, Alstom 2005) auf der Rue Molière in Condé-sur-l’Escaut

Bei der Rue Molière passiert die Trasse Reste der einstigen Stadtbefestigung. Nachdem der Stadtkern umfahren ist, schwenkt die Strecke am Kreisverkehr beim Carrefour-Markt in eine nordöstliche Richtung ein und folgt der Route de Bonsecours (D935). Kurz nach der Haltestelle Hameau de Macou, an der sich ebenfalls eine Ausweiche befindet, biegt die Strecke scharf nach Westen auf die Trasse einer einstigen Grubenanschlussbahn ein.

Wagen 03 (Citadis 302, Alstom 2005) auf der ehemaligen Eisenbahntrasse in Condé-sur-l’Escaut

Dieser folgt sie für rund 500 m und verlässt sie dann noch einmal, um das Schulzentrum Lycée polyvalent du Pays de Condé zu erschließen. Die letzten 500 m bis zur Endstation Le Boulon in Vieux-Condé benutzt die Tram abermals die Trasse der Grubenanschlussbahn.

Die Fotos entstanden am 21. Mai 2026.

Links

Wikipedia: Straßenbahn Valenciennes

Offizielle Betreiberseite: Transvilles

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