Belgien war einst von einem meterspurigen Kleinbahnnetz durchzogen, das von der staatlichen Société nationale des chemins de fer vicinaux (SNCV), niederländisch Nationale Maatschappij van Buurtspoorwegen (NMVB), betrieben wurde. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung in den 1920er Jahren umfasste es mehr als 5000 Streckenkilometer. Anfangs mit Dampflokomotiven betrieben, elektrifizierte die SNCV schon ab 1894 erste Strecken. Auf andren setzte sie ab den 1920er Jahren Verbrennungstriebwagen ein. Bedingt durch den Aufstieg des Straßenverkehrs setze bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein Niedergang ein. Vor allem in den 1950er Jahren verschwand ein Großteil der Strecken.
Neben Museumsbahnen wie in Érezée haben letztlich nur zwei Strecken überlebt: die Kusttram in Flandern und ein rund drei Kilometer langer Abschnitt in der einstigen wallonischen Bergbaustadt Anderlues, der heute Teil der Métro léger de Charleroi ist. Anderlues war einst ein Knotenpunkt im SNCV-Netz. Neben der Strecke von Charleroi gab es Verbindungen nach Morlanweltz, Thuin und über Binche nach La Louvière.
Die SNCV wurde 1991 aufgelöst und die Zuständigkeiten für den Nahverkehr gingen an die Regionen über. Wallonien gründete die Transport en Commun (TEC) mit fünf regionalen Betreibergesellschaften. Die damals noch bestehende Linie 90 Charleroi – Anderlues – Binche – La Louvière lag nun in der Zuständigkeit zweier dieser Betreiber, TEC Charleroi und TEC Hainaut. Letztere hatte kein Interesse am Weiterbetrieb der Straßenbahn Anderlues – Binche – La Louvière. Sie wurde 1993 stillgelegt.
Die Strecke von Charleroi in Richtung Anderlues dagegen war in mehreren Etappen von 1980 bis 1992 zum Großteil stadtbahnmäßig ausgebaut worden. Lediglich die letzten Kilometer von der Station Pétria in der Gemeinde Fontaine-l’Évêque bis Anderlues blieben in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Dass dieser Abschnitt nicht stillgelegt wurde, dürfte auch mit dem TEC-Depot in Anderlues zusammenhängen.

Die Strecke zwischen der letzten Stadtbahnstation Pétria in Fontaine-l’Évêque und Anderlues Momument (Open Railway Map)
Von 2017 bis 2020 wurde er gar umfassend saniert und ist damit langfristig gesichert. Seinen Überlandtram-Chrame hat der Abschnitt dabei behalten. So besteht bis heute ein markanter Bruch bei der Infrastruktur von der unabhängig trassierten Strecke hinter der Station Pétria. Weitgehend eingleisig geht es von dort weiter durch den ehemaligen Bergbauort Anderlues, teils in Seitenlage, teils mitten auf der Straße. Die Linien M1 und M2 bilden hier einen Viertelstundentakt.

Der modernisierte Wagen 7454 (GT6 6100, BN 1982) ist am 18. Mai 2026 auf der Rue des Déportés zwischen den Haltestellen Route de Thuis und Jonction unterwegs zur Endstation Monument.

Bei der Sanierung wurde auch die Sicherungstechnik der Strecke erneuert, hier Wagen 7406 (GT6 6100, BN 1981) auf der Rue des Déportés (18. Mai 2026).

Zahlreiche Grundstückszufahrten queren das Gleis der Tramstrecke an der Rue des Déportés. Der noch unmodernisierte Wagen 7419 (GT6 6100, BN 1981) ist unterwegs Richtung Monument (18. Mai 2026).

Bei der Sanierung wurde ein Abschnitt auf der Rue de la Station zweigleisig ausgebaut. Wagen 7419 (GT6 6100, BN 1981) ist hier auf dem Rückweg in die Stadt. Ungefährt auf Höhe des Fahrzeugs querte einst die stillgelegte SNCB-Strecke Piéton – Bienne-lez-Happart. Das Empfangsgebäude des Bahnhofs steht noch (18. Mai 2026).

Wagen 7427 (GT6 6100, BN 1981) hat bereits die neue gelbe Lackierung, wurde bislang jedoch noch nicht modernisiert. Hier hat er auf dem Weg zur Endstation Monument de Haltestelle Rue le la Station verlassen (18. Mai 2026).

Wagen 7454 (GT6 6100, BN 1982) erreicht am 18. Mai 2026 die Endhaltestelle Monument. Bis 1993 führte die Strecke hier weiter nach Binche und La Louvière. Durch die Straße beim Pizza-Imbiss rechts führte einst die Strecke nach Morlanweltz. Zudem gab es für die Linie 90 eine direkte Verbindung entlang der Chaussée de Charleroi im Hintergrund nach Fontaine-l’Évêque ohne den Umweg über Jonction und das Depot.

Am regnerischen 20. Mai 2026 wartet Wagen 7419 (GT6 6100, BN 1981) an der Endstation Monument auf Fahrgäste nach Charleroi.

Zwei Tage später ist wieder Wagen 7427 (GT6 6100, BN 1981) unterwegs, hier auf dem Abschnitt entlang der Rue de Mons (N90), noch auf Gebiet der Gemeinde Fontaine-l’Évêque (20. Mai 2026).

Überland-Flair pur: Wagen 7419 (GT6 6100, BN 1981) erreicht von Charleroi kommend die Haltestelle Coron du Berger in Fontaine-l’Évêque (22. Mai 2026).

Nochmal Wagen 7454 (GT6 6100, BN 1982) auf der Rue des Déportés in Anderlues dem Abschnitt mit der dörflichsten Anmutung (22. Mai 2026).

Wagen 7441 (GT6 6100, BN 1982) ist auf der Rue des Déportés in Anderlues unterwegs in Richtung Monument (22. Mai 2026).

An der geichen Stelle folgte einen Takt später der modernisierte Wagen 7406 (GT6 6100, BN 1981).

Nochmals die Endstation mit Wagen 7427 (GT6 6100, BN 1982), der hier gerade aus Charleroi eingetroffen ist (22. Mai 2026).

Kurz hinter der Haltestelle Pétria in Fontaine-l’Évêque endet die Stadtbahnstrecke und das Gleis schwenkt in die Rue de Mons ein. Hier ist am 22. Mai Wagen 7454 (GT6 6100, BN 1982) als letzter Kurs des Tages unterwegs nach Anderlues.


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